Doppelpunkt, Schrägstrich, Stern – Gendern oder nicht?
Was ist eigentlich "Gendern"?
"Gender" kommt zunächst einmal aus dem Englischen und bedeutet "Geschlecht".
Der Duden ergänzt dazu, Gender bezeichne die "Geschlechtsidentität des Menschen als soziale Kategorie (z. B. im Hinblick auf seine Selbstwahrnehmung, sein Selbstwertgefühl oder sein Rollenverhalten)".
Gender bezeichnet also nicht das reale biologische Geschlecht einer Person, sondern bezieht sich auf Rollen und Eigenschaften, die einer Person stereotypisch als "Mann" oder "Frau" zugeschrieben werden.
Bezogen auf Sprache und Sprachgebrauch bedeutet das Verb "gendern", sprachliche Mittel zu verwenden, um Männer, Frauen und alle Geschlechtsidentitäten gleichermaßen sichtbar zu machen und sie angemessen und nicht diskriminierend anzusprechen.
Die Sprachwissenschaft definiert Sprache und Sprachgebrauch generell als eine Form des Handelns, konkret des gesellschaftlichen Handelns. Sprache ist demnach kein autonomes und in sich geschlossenes System von Zeichen und Regeln, sondern steht immer in einer Verbindung mit der außersprachlichen gesellschaftlichen Realität.
So ist es wenig verwunderlich, dass in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit dem internationalen Erstarken der Frauenbewegung auch in der Sprachwissenschaft die Diskussion aufkam, inwiefern die Verwendung des generischen Maskulinums in Formulierungen wie der Wähler, der Bürger, der Verbraucher dazu beitrage, Frauen zu benachteiligen, da nie absolut sicher sei, ob mit dieser Formulierung nur Männer oder auch Frauen gemeint seien.
In der Schweiz zum Beispiel bezeichnete der Wähler laut Bundesverfassung von 1848 eindeutig nur Männer, da den Frauen das Stimm- und Wahlrecht bis weit ins 20. Jahrhundert versagt blieb.
Erst 1971 errangen die Schweizer Frauen nach jahrzehntelangem Kampf das aktive und passive Wahlrecht, und so wurde es am 7. Februar 1971 auch in der Verfassung explizit verankert:
Art. 74 BV:
Bei eidgenössischen Abstimmungen und Wahlen haben Schweizer und Schweizerinnen die gleichen politischen Rechte und Pflichten.
Stimm- und wahlberechtigt bei solchen Abstimmungen und Wahlen sind alle Schweizer und Schweizerinnen, die das 20. Altersjahr zurückgelegt haben und nicht nach dem Rechte des Bundes vom Aktivbürgerrecht ausgeschlossen sind.
Es war und ist demnach keineswegs egal, ob Frauen irgendwie mit-gemeint sein können, oder ob sie in Sprache und Anrede ausdrücklich und angemessen repräsentiert werden.
Das haben inzwischen auch die meisten Politiker (und hier sind wirklich vorrangig die Herren gemeint) verstanden, die in Wahlkampfzeiten mühelos "verehrte Wählerinnen und Wähler" oder "liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger" über die Lippen bringen, selbst wenn sie das Gendern ansonsten am liebsten verbieten wollen.
Gendern in der Praxis
Wie aber sieht die sonstige Praxis der gesprochenen und geschriebenen Sprache aus? Wie lassen sich Frauen in der deutschen Sprache angemessen repräsentieren. Wenn an dieser Stelle nur von Frauen die Rede ist, dann weil das sogenannte "diverse" Geschlecht zunächst gar keine Rolle spielte. Dieser Begriff kam erst mit den 2010er Jahren auf. Da war die Diskussion über einen geschlechtergerechten Sprachgebrauch schon gut 40 Jahre fortgeschritten.
In der Schriftsprache kann das sogenannte Splitting, die ausgeschriebene männliche und weibliche Personenbezeichnung, wie in Wählerinnen und Wähler oder Studentinnen und Studenten, umständlich sein. Dies gilt gleichermaßen fürs Lesen wie fürs Schreiben. Sie braucht zudem viele Zeichen, das heißt Platz, und der ist in Printmedien ein kostbares Gut.
Eine Alternative kann die Verwendung von Partizipien sein: Wählende oder Studierende.
Eine andere Möglichkeit sind Großbuchstaben (Majuskeln) und Sonderzeichen wie der Schrägstrich, Unterstrich, Stern (Asterisk) oder Doppelpunkt im Wortinnern: Wähler/ In, Student*in, Verbraucher: In.
Inzwischen haben sich vor allem durch die letztgenannte Variante sehr viele verschiedene Schreibweisen entwickelt, was durchaus zu einiger Verunsicherung führt. Fraglich bleibt zudem, ob dieses mit Schrägstrich, Asterisk oder Doppelpunkt angehängte Suffix eine sprachlich angemessene Repräsentation der Frauen darstellt. Dazu gibt es auch unter Sprachwissenschaftlerinnen unterschiedliche Ansichten. Ob Splitting oder Sonderzeichen im Wortinnern, beide Varianten erfordern beim Schreiben einen Extra-Aufwand und behindern auch den Lesefluss.
Manche behelfen sich, indem sie in ihren Texten gleich auf der ersten Seite eine Fußnote setzen, in der sie klarstellen, dass sie das generische Maskulinum aus Gründen der besseren Lesbarkeit verwenden, damit jedoch ausdrücklich alle Geschlechter gemeint seien.
Auch in der gesprochenen Sprache ist das Gendern kompliziert: Wenn in Radiobeiträgen oder Vorträgen anhaltend die Splitting-Form, Verbraucherinnen und Verbraucher, Autofahrerinnen und Autofahrer etc. benutzt wird, wirkt das auf Dauer ermüdend.
Wenn Nachrichten-Sprecherinnen und Sprecher nicht von Wählern und Steuerzahlern, sondern von Wähler* Innen oder Steuerzahler: Innen berichten, bauen sie vor dem großen I im Wortinnern mitunter einen sogenannten Glottisschlag ein, einen kurzen Stimmbänder-Verschluss, mit dem sie Stern oder Doppelpunkt akustisch kenntlich machen wollen. Das klingt für viele künstlich und aufgesetzt. Nicht nur musikalische Menschen stören sich an dieser Sprach-Synkope, auch unter den Redakteurinnen und Redakteuren der Medien wird das Thema fortlaufend diskutiert.
Der deutsche Rechtschreibrat hat in seiner Entscheidung vom 15.12.2023 zwar "bekräftigt, dass allen Menschen mit geschlechtergerechter Sprache begegnet werden soll", zugleich jedoch festgestellt, dass dies "eine gesellschaftliche und gesellschaftspolitische Aufgabe [sei], die nicht mit orthografischen Regeln und Änderungen der Rechtschreibung gelöst werden" könne und kommt daher zum Schluss, dass "die Aufnahme von Asterisk („Gender-Stern“), Unterstrich („Gender-Gap“), Doppelpunkt oder anderen Sonderzeichen im Wortinnern, die die Kennzeichnung aller Geschlechtsidentitäten vermitteln sollen, in das Amtliche Regelwerk der deutschen Rechtschreibung nicht empfohlen" werde.
Zur ausführlichen Begründung siehe:
An vielen Universitäten finden die Gender-Sonderzeichen dennoch zunehmend Verwendung, wobei laut Rechtschreibrat strittig sei, inwiefern sich Hochschulen über die geltende deutsche Rechtschreibung hinwegsetzen dürfen.
Gender-Verbot – kein bayerischer Sonderweg
Für Kinder und Jugendliche, die in der Schule die Grundlagen der deutschen Sprache und Rechtschreibung erlernen sollen, hat im Freistaat Bayern die Landesregierung vorsorglich ein sogenanntes "Genderverbot" ausgesprochen. Dies gilt seit dem 1. April 2024. Ähnliche Verbotsregelungen hatten zuvor auch schon die Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Schleswig Holstein erlassen.
In der Praxis wird es offensichtlich nicht überall mit der gleichen Härte verfolgt. Wenn eine Schülerin oder ein Schüler in Bayern bei Hausaufgabe, Klassenarbeit oder Referat Gender-Sterne benutzt, wird es von der Lehrkraft angestrichen und kommentiert, aber nicht als Fehler gewertet. In anderen Ländern dagegen kann es durchaus zu einem Punkteabzug und somit schlechteren Noten führen.
Lehrerinnen und Lehrer sowie Angestellte des öffentlichen Dienstes sind in Bayern dagegen gehalten, in Briefen und Texten, online oder analog, auf die Gender-Sonderzeichen zu verzichten.
Natürlich haben diese Verbote neben Zustimmung auch einigen Widerspruch hervorgerufen. Gleichstellungsstellen, Eltern-Verbände, Schülerinnen und Schüler ebenso wie Lehrerinnen und Lehrer bezweifeln sowohl den Sinn als auch die praktische Durchführbarkeit dieser Maßnahme.
Privat schreibt weiterhin jede und jeder, wie sie und er es für richtig halten. Dazu noch einmal der deutsche Rechtschreibrat:
"Der Rat für deutsche Rechtschreibung wird die weitere Schreibentwicklung beobachten, denn geschlechtergerechte Schreibung ist aufgrund des gesellschaftlichen Wandels und der Schreibentwicklung
noch im Fluss."
Gendern – eine Entwicklung im Fluss
In der Realität wird ums Gendern also weiter gerungen, wobei manche Diskussionsbeiträge eher polemisch als sachlich ausfallen.
Fakt ist, dass Existenz und Leistungen von Frauen in Politik, Wissenschaft, Kunst und Kultur in der gar nicht so fernen Vergangenheit verdrängt, buchstäblich kleingeredet oder verschwiegen wurden, und dies drückte sich auch in der Sprache aus.
Nicht als linguistische Fachliteratur, aber weil es thematisch passt, sei an dieser Stelle eine Buchempfehlung eingeschoben:
Beklaute Frauen
Wie Frauen Geschichte schrieben – und Männer dafür den Ruhm bekamen
Muse, Sekretärin, Ehefrau – es gibt viele Bezeichnungen für Frauen, deren Einfluss aus der Geschichte radiert wurde. Für deren Leistungen Männer die Auszeichnungen und den Beifall bekamen: Wissenschaftlerinnen, deren Errungenschaften, im Gegensatz zu denen ihrer männlichen Kollegen, nicht anerkannt wurden. Autorinnen, die sich hinter männlichen Pseudonymen versteckten. Oder Künstlerinnen, die im Schatten ihrer Ehemänner in Vergessenheit geraten sind. Lebendig und unterhaltsam erzählt die Historikerin Leonie Schöler ihre Geschichten, sie zeigt, wer die Frauen sind, die unsere Gesellschaft bis heute wirklich vorangebracht haben. Und sie verdeutlicht, wie wichtig die Diskussion um Teilhabe und Sichtbarkeit ist. Dabei wird klar: Hinter jedem erfolgreichen Mann steht ein System, das ihn bestärkt; vor allen anderen steht ein System, das sie aufhält.
In dem Maße, in dem Frauen sich beruflich und sozial emanzipiert haben und weiter emanzipieren, sollen und wollen sie genauso hörbar und sichtbar sein wie Männer und alle, die sich keinem eindeutigen Geschlecht zugehörig fühlen.
Das beginnt schon mit den Bilderbüchern für Kleinkinder, in denen heute nicht mehr nur Feuerwehrmänner, Ärzte und Fußballer abgebildet werden, sondern auch eine Polizistin mit Pferdeschwanz neben ihrem Dienst-Motorrad, eine Ärztin, die einen Verband anlegt, oder Fußballerinnen.
Auch in modernen Lexika, Sprach- und Grammatik-Lehrbüchern, finden sich heute Beispielsätze, in denen alte Rollen Stereotypen durch zeitgemäße Formulierungen ersetzt werden, so zum Beispiel bei der Erklärung von Kasus und Satzfunktionen wie Subjekt, Prädikat und Objekt:
früher heute
Der Student hat ein neues Auto. Die Studentin hat ein neues Auto.
Sven hat viele Freunde. Svenja hat viele Freundinnen und Freunde.
Onkel Peter repariert sein Fahrrad. Tante Petra repariert ihr Fahrrad.
Der Lehrer begrüßt die Kinder. Die Lehrerin begrüßt die Kinder.
Der Wandel unserer Sprache und unseres Sprachgebrauchs ist die logische Konsequenz des Wandels in der außersprachlichen Realität.
Gendern mit KI und ChatGPT
Gesellschaftlicher Wandel und technischer Fortschritt gehen Hand in Hand, und so soll an dieser Stelle ausnahmsweise einmal die Künstliche Intelligenz des ChatGPT zum Thema "Gendern" befragt werden. In der Eingangserklärung zur optimalen Nutzung des Programms heißt es unter anderem:
Nutze Rollen für spezifische Antworten: Bitte ChatGPT, in eine Rolle zu schlüpfen, wie „Erkläre es wie ein Grundschullehrer“ oder „Sei ein kreativer Texter“.
ChatGPT gendert demnach nicht, sondern benutzt das generische Maskulinum, bei dem Grundschullehrerinnen und kreative Texterinnen mit-gemeint sein können. Wirklich sichtbar sind sie in diesem Beispiel jedoch nicht.
Was also weiß ChatGPT über dieses Thema?
Sprachlich ist das vor allem in den letzten beiden Absätzen noch nicht ganz rund, aber als Einstieg oder erster Entwurf mag es helfen. Es gibt allerdings unterschiedliche Versionen von ChatGPT und je nachdem, welche befragt wird, fällt auch die Antwort anders aus:
Bayern oft traditioneller
Dass in Bayern eine traditionellere Form bevorzugt wird, ist eine reichlich euphemistische Umschreibung des oben erwähnten Gender-Verbots. Wie man sich an lokale Gepflogenheiten halten und gleichzeitig inklusive Sprache fördern soll, bleibt das Geheimnis der Künstlichen Intelligenz, die auch auf Nachfrage nichts Substantielles mitzuteilen hatte.
Eben darum gilt, was ich schon eingangs zum Thema KI und ChatGPT gesagt hatte.
Generell bemühe ich mich um einen Sprachgebrauch, der alle Geschlechter gleichermaßen und angemessen repräsentiert. Der Verwendung von Stern, Schrägstrich oder Großbuchstaben im Wortinnern stehe ich eher skeptisch gegenüber, da diese den Schreib- und Sprachfluss hemmen und auch beim Lesen und Hören störend wirken.
Vor allem aber degradieren sie Frauen erneut zu einem Suffix-Anhängsel, das künstlich hervorgehoben wird.
Im Sinne einer echten Gleichbehandlung der Geschlechter ziehe ich eine ausgeschriebene und ausgesprochene Splitting Form in der Regel vor oder suche nach alternativen Begriffen.
Bei längeren Texten oder wenn komplexe Inhalte beschrieben werden, kann die erwähnte Fußnote in der Einleitung helfen, mit der die Verwendung des generischen Maskulinums für alle Geschlechter ausdrücklich betont wird.
Weitere Links zum Thema
Am Thema Interessierte finden weitere nützliche Links unter anderem bei Johanna Usinger und ihrer Website
https://geschicktgendern.de/ sowie in ihrem
Duden-Leitfaden https://shop.duden.de/Einfach-koennen-Gendern/9783411756933
Ebenfalls im Duden-Verlag erschienen ist das Handbuch geschlechtergerechte Sprache von Gabriele Diewald und Anja Steinhauer. In diesem 2022 in zweiter und überarbeiteter Auflage erschienen Buch erläutern die Autorinnen sowohl die historischen Hintergründe des Sprachwandels als auch den aktuellen Stand der Diskussion und geben darüber hinaus in einem ausführlichen Praxis-Teil zahlreiche Hinweise zu geschlechtergerechtem Sprachgebrauch in unterschiedlichsten Text-Gattungen wie Werbung, offiziellen Richtlinien, wissenschaftlichen Arbeiten, medialen Texten wie Nachrichten, Kommentaren, Berichten oder auch in der Formulierung von Stellenangeboten.
Für Journalistinnen und Journalisten empfiehlt sich die Seite: https://www.genderleicht.de/ des Journalistinnenbundes e.V. Unter der Überschrift "Genderleicht und Bildermächtig" hat sich dieses Bündnis der fairen und diskriminierungsfreien Berichterstattung in Wort und Bild verschrieben. Dazu gehören: Schreiben Sprechen, Fotografieren und Fotos Bearbeiten.
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